Dynamic Facilitation

Das lineare Vorgehen konventioneller Moderationsmethoden entspricht nicht der Natur des menschlichen Geistes. Unsere Ideen, unsere Gedanken und unsere Energie folgen nicht einem vorab festgelegten Fahrplan. Der menschliche Geist arbeitet spontan, oft erratisch, er springt hin und her und bleibt nicht gerne fĂŒr 30 Minuten bei genau einem Thema. Er denkt oft schon an die Lösung, wenn «offiziell» erst die Phase der Problemdefinition ansteht. Er will vielleicht Bedenken Ă€ußern, wenn der Moderator das ausschließliche Sammeln von Ideen angesagt hat. Und wenn man sich dann in der Phase der Alternativenbewertung befindet, kann er darauf kommen, dass man bislang an der falschen Fragestellung gearbeitet hat.

Kurz: Eine zwangsweise vorgegebene Struktur bremst die KreativitĂ€t und den natĂŒrlichen Fluss des menschlichen Geistes. Sie verhindert oft das, was am dringendsten gebraucht wird: einen schöpferischen Durchbruch.

Bei Dynamic Facilitation gibt es keinerlei sequenzielle Struktur, also keine Schritte, die aufeinander folgen. Man beginnt mit einem Thema, doch der Moderator achtet nicht darauf, dass die Gruppe bei diesem Thema bleibt und oder einem andersgearteten roten Faden folgt. Dynamic Facilitation ist darauf angelegt, den kreativen Fluss der Gruppe zu jeder Zeit zu ermöglichen und zu unterstĂŒtzen und mit der Energie der Gruppe zu gehen. Eines ihrer Kennzeichen besteht darin, dass man sich am Ende nie fĂŒr eine Lösung A oder B oder C entscheidet, indem man beispielsweise abstimmt. Die Lösung, die von den Teilnehmern als die richtige empfunden wird, kommt als, oft unerwarteter, Durchbruch. Sie wird sichtbar als eine fĂŒhlbare VerĂ€nderung in der Energie der Gruppe. Jeder spĂŒrt, dass jetzt eine gute Lösung gefunden wurde, und es besteht kein BedĂŒrfnis mehr, sich formell fĂŒr etwas zu entscheiden.

Dynamic Facilitation ist eine Moderationsmethode, die vor allem fĂŒr schwierige, komplexe Themen geeignet ist, wie:

  • strategische Fragen
  • konfliktĂ€re oder potenziell konfliktĂ€re Themen
  • Fragestellungen, die mit rigiden Werturteilen «aufgeladen» sind
  • Themen, die eine versteckte Dimension haben
  • vertrackte Probleme, an deren Lösbarkeit kaum einer mehr glaubt

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Der Ablauf:

Wenn man die «OberflÀche» eines Dynamic Facilitation-Prozesses betrachtet, sieht man einen Moderator, der die BeitrÀge der Teilnehmer permanent auf vier Listen schreibt, die wie folgt betitelt sind:

  • Herausforderungen/Fragen
  • Lösungen/Ideen
  • Bedenken/EinwĂ€nde
  • Informationen/Sichtweisen

Auf der Liste der Herausforderungen/Fragen sammelt der Moderator alle Aussagen, die das zu lösende Problem beschreiben. Er bittet die Teilnehmer, Probleme als Fragen zu formulieren: «Wie können wir xyz erreichen?» Die Herausforderungen/Fragen können generell oder spezifisch sein und gerne auch unlösbar oder heftig umstritten. Und wenn jemand nacheinigen Stunden sagt: «Moment mal. Wir marschieren gerade in eine ganz falsche Richtung. Es gibt da noch ein viel tieferes(oder breiteres oder anderes) Problem.» Dann schreibt der Moderator dieses auf die Liste der Probleme, und die Gruppeverfolgt diese Idee, wenn sie gerade Interesse hat, oder auch nicht. Der Moderator unternimmt nichts, um die Gruppe auf einem linearen Weg zu halten. Er achtet tatsÀchlich nicht auf den roten Faden. Auf die Liste der Lösungen/Ideen werden alle Lösungen geschrieben, die genannt werden, egal zu welchem Problem siepassen. Da kommen dann rasch Dutzende von Lösungen zusammen, und das ist alles andere als ein ordentlicher Prozess. Im Gegenteil, die Lösungssammlung erscheint wie ein chaotischer Mix.

Wenn jemand mit einer Lösung nicht einverstanden ist, dann kommt das auf die Liste der Bedenken/EinwĂ€nde. Immer, wenn jemand etwas gegen eine Lösung sagt, fragt der Moderator nach: «Was genau ist Ihre BefĂŒrchtung?» Und die wird dann auf diese Liste geschrieben. Der emotionale Anteil wird damit sichtbar aufgenommen, anerkannt und auch von dem sachlichen separiert Es  ist wichtig, dass Bedenken als solche und nicht als Werturteil ĂŒber den Vorschlag des anderen aufzuschreiben. Auf eine vierte Liste, die Informationen/Sichtweisen betitelt wird, kommen alle anderen Informationen, gleich ob Beobachtungen oder harte Daten, ob wahr oder falsch, ob Fakten oder GefĂŒhle. Wenn man unter die OberflĂ€che schaut, dann erlebt man Dynamic Facilitation zu Beginn als einen Prozess der «Reinigung». Die Teilnehmer werden eingeladen und angeleitet, sich von ihren Gedanken und GefĂŒhlen, die sie mitgebracht haben, zu «reinigen».

Diese erste Phase der «Reinigung» kann 20Minuten oder auch drei Stunden dauern. Der Dynamic Facilitation-Moderator ist bestrebt, das GesprÀch der Gruppe in einem kreativen Fluss zu halten.

In Situationen, wo es eine kreative Lösung braucht, kommt die Gruppe oft an einen Punkt, wo alles Mitgebrachte und VorlĂ€ufige auf dem Papier steht, der Durchbruch aber noch außer Sichtweite ist. Dieser Punkt fĂŒhlt sich möglicherweise nicht angenehm an, weder fĂŒr den Moderator, noch fĂŒr die Gruppe. Und was tut der Moderator? Nichts! Er mag vielleicht noch mal rekapitulieren, wo die Gruppe jetzt steht. Doch er vermeidet es, sie jetzt retten zu wollen. Er wartet ab und vertraut auf das, was sich jetzt spontan zeigen will.

Was sich zeigt, mĂŒssen nicht nur neue sachliche Lösungen sein. Es kann sich auch um DurchbrĂŒche des FĂŒhlens handeln. Meistens kommt beides zusammen,

Fallstricke bei der Anwendung der Methode

Der wichtigste Fallstrick bei der Anwendung von Dynamic Facilitation besteht darin, dass man diese Methode in einer Situation nutzt, in der die Voraussetzungen fĂŒr ihre Anwendung nicht erfĂŒllt sind. Diese Voraussetzungen sind:

1. Die Teilnehmer mĂŒssen ein echtes Interesse daran haben, ihr Problem zu lösen.

2. Die gleichen Teilnehmer mĂŒssen die ganze Zeit ĂŒber zusammen bleiben.

3. Es muss genug gemeinsame Zeit zur VerfĂŒgung stehen.

4. Es darf nicht nur eine begrenzte Zahl an Optionen möglich sein.

5. Das Thema sollte eine emotionale Komponente haben.

Fazit

Dynamic Facilitation trĂ€gt wie kaum eine andere Moderationsmethode der Tatsache Rechnung, dass lebendige Systeme nicht beherrschbar sind und ihre VerĂ€nderung nicht geplant werden kann. Sie schafft den Raum fĂŒr Selbstorganisation und fĂŒr Transformation. Ein kreativer Durchbruch ist nichts anderes eine spontan entstandene neue Ordnung (der Gedanken und GefĂŒhle), die vorher niemand vorhersehen konnte, die hinterher jedoch perfekt logisch erscheint.

 

GekĂŒrzt nach einem Artikel von Matthias zur Bonsen, der erstmals in der ZOE erschienen ist.